Verkehrsforscher Prof. Dr. Andreas Knie sieht im autonomen Fahren die Chance, den Autoverkehr deutlich zu reduzieren und damit dem Klima etwas Gutes zu tun. Doch wirk­lich autonom fährt bislang kein Auto im Straßenraum. Im Interview erklärt der ­Sprecher des wissenschaftlichen Beirats im Leitbildprozess, warum es so lange dauert.

 

Herr Prof. Dr. Knie, ab wann fahren autonome Fahrzeuge ganz normal im Straßenverkehr?

Sie fahren schon! Aber nicht in Deutschland. Die USA sind uns hier wieder mal zwei Schritte voraus. Im Bundesstaat Arizona sowie in Kalifornien sind bereits selbstfahrende Autos im öffentlichen Straßenland sowie auch auf ­privatem Grund seit einigen Jahren ­unterwegs. Allerdings: Es sind immer noch teil- beziehungsweise ­zunehmend auch vollautomatische Fahrzeuge, die nach einem festen Plan gesteuert ­werden. „Autonome Fahrzeuge“ – also sich selbst organisierende Fahrzeuge – das gibt’s selbst in den USA noch nicht und die brauchen noch etwas. Auf ­privatem Gelände wird es vielleicht ­in zehn ­Jahren gelingen, auf öffentlichen ­Flächen braucht es sicherlich noch ­20 Jahre, bis solche Flotten eine Relevanz erhalten.

Warum dauert das so lange?

Wir legen in Deutschland sehr strengen Wert auf Sicherheit. Die Straßenverkehrszulassungsordnung sieht zwar vor, dass Fahrzeuge, die noch über eine Typenprüfung verfügen, probeweise sozusagen zum „Üben“ in den Verkehr gebracht werden können, aber nur unter sehr strengen Auflagen. Wenn in Deutschland ein Unter­nehmen oder ein Institut tatsächlich etwas wagt, müssen die Prüfdienste erst umfassende Gutachten zum Fahrzeug selbst sowie zur ausgewählten Strecke erstellen. Wenn alles fertig ­geprüft ist, werden strenge Auflagen erteilt, wie etwa die Festlegung einer maximalen Geschwindigkeit, eine von Kreuzungen freie Strecke und die ­Anwesenheit entsprechend geschultem ­Sicherheitspersonal.

Was müsste passieren, um die Technologie zu beschleunigen?

Wir brauchen in der deutschen Innovationslandschaft generell mehr „trial and error“. Wir brauchen Experimentierräume, die bestehende Regeln ­örtlich und zeitlich befristet außer Kraft setzen, damit wir Erfahrungen machen können. Innovationen fallen nicht vom Himmel und kommen auch nicht per Umlaufmappe und Mitzeichnungsverfahren über die Schreib­tische.

Welche unserer Verkehrsprobleme kann autonomes Fahren lösen?

Wir haben in den Städten und mittlerweile auch in den ländlichen Räumen viel zu viele Autos. Private Autos sind vom Instrument individueller Freiheit zum großen Problem für Klima, ­Gesundheit und Aufenthaltsqualität geworden. Autonome Flotten versprechen ein Höchstmaß an Individualität mit viel weniger Fahrzeugen.

In Ihrem Buch „Autonome ­Flotten“ schreiben Sie, dass die deutsche Automobilindustrie kein Interesse am autonomen Fahren hat. ­Woran machen Sie das fest?

In der deutschen Autoindustrie werden autonome Fahrzeuge immer noch mit Skepsis betrachtet. Es gilt der alte Leitspruch der Branche: Ich fahre, also bin ich! Wenn die Maschine übernimmt, das eigene Tun sozusagen nicht mehr notwendig ist, dann ­bekommt die Branche eine Identitäts­krise. Noch schlimmer wird es, wenn dann noch ein System die Fahrzeuge disponiert. Das ist dann aus Sicht der Autohersteller wie der öffentliche V­erkehr – nur noch schlimmer.

Autonomes Fahren steht für ­Modernität und Zukunft. Die ­Straßenbahn, deren Einführung ­in Wiesbaden diskutiert wird, halten die Gegner für eine Technologie der Vergangenheit. Inwieweit kann/sollte autonomes Fahren ein ­Ersatz für Straßenbahnen sein?

Moderne Städte brauchen kein privates Eigentum an einem Verkehrs­mittel mehr. Man checkt morgens in den Verkehr ein und abends wieder aus. Dazwischen transportieren ­große, leistungsfähige Verkehrsmittel gemeinsam mit kleinen flexiblen Transportfahrzeugen die Menschen und die Güter. Digital vernetzt und auf Basis regenerativer Energien. Alle Verkehrsmittel müssen zusammenspielen und integriert werden – auch die Straßenbahn.