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Von Dr. Florian Steidl, IHK Wiesbaden

Vom Leitbildprozess „Mobilität“ erwartet sich die Wirtschaft, dass es uns damit gelingt, Mobilität in der Wirtschaftsregion Wiesbaden neu zu denken – wir brauchen eine Vorstellung für die Mobilität von morgen, die über einzelne Verkehrsträger und die Stadtgrenze hinausgeht. Intelligente Verkehrslenkung und digitale Lösungen sollten hier eine entscheidende Rolle spielen. Für die Unternehmen ist es essenziell, dass sie auf allen Wegen für ihre Kunden erreichbar sind, dass sie Waren staufrei ans Ziel bringen – und, dass ihre Mitarbeiter quer durch die gesamte Region zur Arbeit kommen können. Das ist unsere Vision.

„Die Wirtschaft“ in der Region Wiesbaden-Rheingau-Taunus-Hochheim – das sind 37.000 gewerbliche Unternehmen, vom Kioskbetreiber bis zum exportierenden Weltmarktführer. Alle haben unterschiedliche Anforderungen an die Mobilität.

Die Region hat fast eine halbe Million Einwohner. 185.000 sozialversicherungspflichtig Beschäftigte arbeiten hier. Allein nach Wiesbaden pendeln 80.000 Menschen, die ihren Wohnort außerhalb der Stadt haben. Sie alle fragen Mobilität nach Die Wirtschaftsregion Wiesbaden ist Teil der Metropolregion Frankfurt-Rhein-Main. Diese ist durch intensive verkehrliche Verflechtungen geprägt. Die Bevölkerung wächst, die Beschäftigung und damit die Anzahl der Pendler steigen in der gesamten Region.

Wirtschaftliches Wachstum produziert auch Verkehrswachstum. Doch die Verkehrsinfrastruktur hält hier nicht mit – sie ist oft überlastet. Dabei ist eine funktionierende Verkehrsinfrastruktur der Schlüssel für einen erfolgreichen Wirtschaftsstandort. Unsere IHK-Organisation setzt sich seit langem für den Infrastrukturneubau und vor allem den Erhalt ein. Die aktuelle IHK-Verkehrsumfrage zeigt: Für drei von vier Unternehmen in der Region hat eine leistungsfähige Infrastruktur eine hohe bis sehr hohe Bedeutung. Vier von fünf Unternehmen fühlen sich durch den Zustand der Straßen beeinträchtigt. Fast jedes Unternehmen meint, der Straßenverkehr wird durch Brücken- und Straßensperrungen beeinträchtigt. Jedes zweite Unternehmen benennt Schlaglöcher als Problem. Von allen Straßen wird der Zustand der kommunalen Straßen am schlechtesten bewertet.

Auf der Schiene sind zu lange Fahrzeiten, Unzuverlässigkeit und eine schlechte Anbindung zentrale Hemmnisse. Die Schiene kann keine zusätzlichen Verkehre aufnehmen. Die Investitionen im ÖPNV wurden der steigenden Zahl der Fahrgäste nicht angepasst.

Wie könnte die nahe und ferne Zukunft der Mobilität aussehen? Kein Verkehrsmittel wird die alleinige Lösung bringen können. Unterschiedliche Verkehrssysteme werden intelligent verknüpft und gesteuert werden. Die Mobilität wird vernetzt sein. Digitale Lösungen verflüssigen den Verkehr, optimieren den Lieferverkehr auf der letzten Meile und erleichtern die Stellplatzsuche. Übrigens schon ein Vorschlag, den Unternehmen vor zwei Jahren eingebracht haben.

In der Zukunft werden der ÖPNV und das Radverkehrsnetz leistungsstark sein. So wird es ein Metropolregionsticket geben, Schnellradwege, Direkt- und Schnellbusverbindungen. Zuverlässige Massentransportmittel werden von feinerschließenden Lösungen bis in alle Ortsteile ergänzt. Die individuellen Mobilitätsbedürfnisse werden erfüllt, auch im begrenzten Stadtraum. Die Anforderungen der Luftreinhalteplanung werden eingehalten. Dem Wirtschaftsverkehr wird ein breites Angebot an Fahrzeugen mit alternativen Antrieben zur Verfügung stehen. Eine Ladeinfrastruktur ist flächendeckend vorhanden. Die Wallauer Spange wird die Fahrzeit mit dem Zug zum Flughafen halbieren und die Schienenerreichbarkeit der Wirtschaftsregion verbessern. Quergedacht, könnte es autonom fliegende Taxis geben, die Punkt-zu-Punkt-Verbindungen ermöglichen. Drohnen ergänzen den Güterverkehr. Nach Taunusstein und Mainz könnte es eine Seilbahnverbindung geben. Oder eine City-Bahn? Die Zukunft ist offen.

Unternehmen bieten Home-Office-Lösungen an und engagieren sich im Rahmen des Betrieblichen Mobilitätsmanagements. Arbeitgeber schaffen Mobilitätsangebote für Mitarbeiter wie das Jobticket und setzen gute Rahmenbedingungen für alternative Verkehrsmittel. Überhaupt wird die Wirtschaftsregion Wiesbaden ein Standort für Mobilitätsinnovationen sein.

Welche Anforderungen hat die Wirtschaft an das Mobilitätsleitbild? Die Grundfrage lautet: „Warum sind Menschen und Güter überhaupt mobil?“ Sie wollen von A nach B kommen. Schnell, unkompliziert, zuverlässig, sauber. Wie kann das gelingen? Indem wir vom Nutzer her denken und uns nicht an einem Verkehrsmittel orientieren. Das Leitbild muss dazu dienen, ein gemeinsames Verständnis und eine gemeinsame Vision aller Akteure zu vereinen. Es muss mit konkreten Zielen und Meilensteinen für die Umsetzung verbunden sein, Verantwortlichkeiten definieren und für alle Akteure verbindlich sein. Eine bloße Absichtserklärung reicht nicht! Alle Verkehrsarten und Verkehrsträger müssen offen, transparent und ideologiefrei betrachtet werden. Künftige Entwicklungen müssen miteinbezogen werden.

Ein Wort zur City-Bahn. Ja, sie kann Chancen für die Wirtschaftsregion bieten. Aus Sicht der Wirtschaft sind aber noch viele Fragen offen. Der Leitbildprozess sollte genutzt werden, um diese zu beantworten. So sollte es etwa eine seriös kalkulierte und transparente Nutzen-Kosten-Untersuchung inkl. Folgekostenrechnung zur City-Bahn gemacht werden. Bei der Alternativenprüfung muss geschaut werden, was am besten zum Standort Wiesbaden passt. Es müssen aber unbedingt auch die verkehrlichen Verbindungen mit der Region Frankfurt-Rhein-Main und die Planungen des Rheingau-Taunus-Kreises für ein Mobilitätskonzept einbezogen werden. Alle vorhandenen und geplanten Verkehrs- und Stadtentwicklungspläne müssen miteinander verbunden werden. In der Umsetzung wird es darauf ankommen, dass auch die Kommunen eng miteinander kooperieren. Die Erreichbarkeit der Innenstädte mit allen Verkehrsträgern muss sichergestellt sein. Und wir brauchen tragfähige Lösungen für den innerstädtischen Lieferverkehr. Das Mobilitätsleitbild sollte auch die Infrastruktur als ein Standortkriterium für die wirtschaftliche Entwicklung bewerten. Auf Grundlage von Prognosen zu Bevölkerungsentwicklung, Pendlerzahlen, der Art der Mobilität und der Art des Arbeitens sollte eine Bedarfsermittlung erfolgen. Die gefundenen Lösungen müssen zukunftsfest, also an die Mobilitätsbedürfnisse anpassungsfähig sein.
Das Leitbild könnte schließlich einen wichtigen Beitrag für einen regionalen Masterplan Mobilität leisten.